Der Packraum - Notizen aus den Niederungen des Buchhandels
Wenn man im Wareneingang einer Buchhandlung arbeitet und jeden Tag Hunderte von Büchern auspackt, macht man sich schon ein paar Gedanken. Über abstruse und unnötige Werke und die Leute, die sie kaufen.
Wer ältere Einträge lesen möchte, kann im Kalender nach hinten blättern.
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Verfasst am 03.03.2008 18:27:34 Uhr Werbung in eigener Sache Liebe Freunde des Packraums,
als ich neulich meine Festplatte ausmistete, überlegte ich, was ich mit den gesammelten Packraum-Beiträgen machen sollte. Da BOD (ihr wisst schon: Bücher optimistischer Dilettanten) gerade den Preis für eine Veröffentlichung von 400 auf 40 Euro gesenkt hatte, entschloss ich mich, die Datei hochzuladen.
Deshalb gibt es "Das Beste aus dem Packraum 2003-2007" jetzt als handliches kleines Buch, das ihr unter der ISBN 9783837028096 beim Buchhändler eures Vertrauens bestellen könnt. Der Preis beträgt 5,90 Euro, und dafür bekommt ihr außer den hier gesammelten Texten auch noch einige, die ich für www.langendorfs-dienst.de verfasst habe.
Die besten Grüße aus dem Packraum
Verfasst am 24.07.2005 15:53:18 Uhr ... und der Rest
Liebe Freunde und Leser,
nach zwei Jahren Packraum scheint alles gesagt, was man über den Job sagen kann. Ob Geschenkbücher, Weihnachtsgeschäft, Esoterik, verrückte Kunden oder Schulbuchärger - alles war schon mal dran. Da mir also so langsam die Ideen ausgehen, wird es keine weiteren Einträge im Packraum geben, und ich möchte mich heute und hier von euch verabschieden.
Zum Schluss noch ein paar Reste aus meinem Notizbuch:
Angewandte Psychologie an der Kasse
Frage: Möchten Sie eine Tüte?
Ergebnis: Der Kunde will eine Tüte.
Frage: Möchten Sie eine Tüte oder geht das auch so?
Ergebnis: Der Kunde will keine Tüte.
Funktioniert praktisch immer. Ausprobieren!
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Vermutung
Die Häufigkeit, mit der jemand Sex hat, ist umgekehrt proportional zu der Zahl der erotischen Romane, Bildbände und Kalender, die er kauft.
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Die Geldbeuteltheorie
Wenn man die Leute beim Bezahlen an der Kasse beobachtet, kann man feststellen, ob sie selber im Verkauf arbeiten. Verkäufer schauen beim Bezahlen immer zuerst ins Münzfach, dann ins Scheinfach, andere machen es umgekehrt.
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Präsens
Wenn ich ein Buch auswähle, habe ich ein ganz einfaches Kriterium: ich lese nichts, was im Präsens geschrieben ist. Das sind nämlich entweder
a) langweilige, hochliterarische Werke oder
b) heitere Romane für frustrierte Hausfrauen oder
c) im Eigenverlag erschienene Ergüsse
Verfasst am 15.07.2005 12:40:33 Uhr Ein Nonbook-Abenteuer in Stratford
Früher war es das reinste Vergnügen, in einer der gepflegten englischen Buchhandlungen zu stöbern. Kein Urlaub verging, wo ich nicht auf dem Rückweg fast unter der Last meines Rucksacks zusammenbrach, der voll mit legal eingeführten Büchern und illegal eingeführtem Schwarztee war (damals galt noch die Zollgrenze von 100g Tee - da fängt man als Teefreund gar erst nicht mit dem Aufbrühen an).
Als ich nach längerer Pause wieder mal nach England fuhr, hatten sie inzwischen die Buchpreisbindung aufgehoben. Plötzlich waren die meisten Buchhandlungen verschwunden, und der Rest hatte sich in weltbildartige Billigläden verwandelt, wo es nur noch Sherlock-Holmes-Gesamtausgaben, Postkartensets und jede Menge Geschenkartikel der eher ramschigen Sorte gab.
Nun bin ich ja, was Bücher angeht, ein echter Schnäppchenjäger, aber das wurde sogar mir zuviel. Nur einmal wurde ich doch noch schwach, und zwar ausgerechnet beim Ramsch, vornehm auch Non-Books genannt. In der Shakespeare-Stadt Stratford-upon-Avon zog die Auslage einer Buchhandlung unsere Aufmerksamkeit an sich. Da lagen Dutzende von kleinen, stoffbezogenen chinesischen Kästchen, und aus jedem quakte, zirpte oder zwitscherte es wie besessen. Ich kaufte eins, in dem zwei Plastikfrösche auf einem Blatt saßen. Eine hochempfindliche Solarzelle ließ sie beim geringsten Lichteinfall quaken. Kein Wunder, dass sie die Kästchen vor den Laden raus gestellt hatten.
Mit dem unentwegt quakenden Kästchen in einer Plastiktüte zogen wir weiter durch die Stadt. Passanten drehten sich um. Es war unmöglich, das Quaken abzustellen, da der Deckel nicht absolut dicht schloss und schon der schwächste Lichtschimmer genügte, um die Frösche zu aktivieren. Wir wollten unbedingt noch die Kirche besichtigen, wo Shakespeare begraben war. Aber mit quakenden Fröschen den geheiligten Ort betreten? Unmöglich. Also deponierte ich sie im umgebenden Friedhof hinter dem entferntesten Grabstein. Man hörte sie im Umkreis von einigen Metern. Immerhin waren sie noch da, als wir die Kirche wieder verließen.
Abends in der Jugendherberge, wo die quakende Tüte einiges Aufsehen erregt hatte, fand ich heraus, wie ich die Frösche zum Schweigen bringen konnte: man musste das Kästchen ganz dicht in einen Pullover wickeln und dann ganz unten in den Rucksack stecken. So ging der Urlaub in wohltuender Stille vorbei. Und zuhause? Seit über zehn Jahren steht das Kästchen mit den Fröschen am idealen Ort: nämlich in meinem Kühlschrank. Und sie quaken immer noch unverdrossen, sobald die Tür geöffnet wird.
Verfasst am 21.06.2005 18:48:04 Uhr Buchkauf international - Teil 3: Russland
Eins der geläufigsten Russland-Klischees ist das von den Leuten, die in der U-Bahn Bücher lesen. Und tatsächlich, man sieht sie in Scharen. Was auch daran liegen kann, dass es in einem brechend vollen Metroabteil einfacher ist, ein Buch aufzuklappen als eine Zeitung zu entfalten, vor allem, wenn man irgendwo in der Mitte steht und sich nirgends festhalten kann. Aber es stimmt schon: die Russen sind große Leser vor dem Herrn. Und das, obwohl die Buchhandlungen jahrzehntelang alles getan haben, um sie zu vergraulen.
Der langsam aussterbende, aber immer noch existierende Typ der sozialistischen Buchhandlung sieht so aus: Auf einem Regal werden alle Bücher einer Abteilung schön frontal präsentiert. Doch davor haben die Götter einen Ladentisch gesetzt und eine sozialistische Verkäuferin. Man fragt nach einem bestimmten Buch, kriegt es auf die Theke gelegt und darf es dort unter ihrem wachsamen Blick einsehen. Wenn es einem nicht zusagt, verlangt man nach einem weiteren Werk, doch schon beim dritten Buch merkt man, dass man es jetzt langsam gut sein lassen sollte.
Buchhandlungen vom westlichen Typ mit freiem Zugang zu den Regalen sind relativ neu und bei den Russen ungemein beliebt. Ungefähr ein halbes Dutzend in dunkle Anzüge gekleidete Schlägertypen wachen darüber, dass in dem unüberschaubaren Chaos, das dem einer normalen deutschen Buchhandlung am Samstagvormittag entspricht, keiner etwas mitgehen lässt.
Von eingeschweißten Büchern hat man in Russland noch nie etwas gehört. Auch teure Werke sind immer offen, und weder Druckerei noch Lieferant fassen die Ware mit Samthandschuhen an. Mit der Frage nach einem unbeschädigten Einband würde man in Russland nur verständnisloses Kopfschütteln ernten. Da wühlt man sich lieber durch die Stapel, bis man das am wenigsten ramponierte Exemplar findet.
Wie man in den Supermärkten von Moskau und Sankt Petersburg praktisch keine russischen Artikel mehr bekommt, nur noch Importware, so findet man auch bei den Romanen und Kinderbüchern fast nur Übersetzungen aus dem Englischen. Die Leute lesen lieber Nora Roberts als Ulitzkaja, und der Hype, mit dem der neue "Garry Potter" begrüßt wurde, stand dem bei uns in nichts nach. Also alles wie zu Hause.
Verfasst am 12.06.2005 14:11:45 Uhr "Wenn auf ist, ist auf!" Aus der guten alten Zeit, als es statt künstlichen "Sales" an jeder Ecke noch den Sommer- und Winterschlussverkauf gab, wird mir immer eine Szene in Erinnerung bleiben, die im Fernsehen regelmäßig zu sehen war: Karstadt, 9 Uhr morgens. Zwei Angestellte schließen die Türen auf, und springen sofort zur Seite, damit sie nicht von der Welle schlussverkaufgeiler Kunden überrollt werden, die sich einer Sintflut gleich in den Verkaufsraum ergießt.
Wie den bedauernswerten Karstadt-Verkäufern ergeht es auch uns zur Zeit, wenn wir morgens um halb zehn den Laden öffnen. Scharen über Scharen, Rentner zumeist, wollen sofort bedient werden, sogar noch auf der Straße wird man angequatscht, wenn man den Ramschwagen rausrollt. Eine halbe Stunde später: kein Mensch mehr im Geschäft.
Unser Anrufbeantworter, auf den man gottseidank nicht draufsprechen kann, hat, wenn ich ihn um halb zehn ausschalte, locker fünfzehn Anrufe registriert, und ab halb neun, wenn ich meinen Dienst antrete, wird ständig an der Ladentür gerüttelt, egal ob die Putzfrau das Licht angeschaltet hat, oder ob es innen stockfinster ist.
Was ist los? Sind wir ein Volk von Frühaufstehern geworden? Entwickeln sich über Nacht quälende Kaufgelüste, die sofort befriedigt werden müssen? Hat sich ein Gerücht verbreitet, dass ab zehn Uhr der Buchnotstand ausbricht?
Ladenöffnungszeiten? Für die Leute gilt: "Wenn ich die Tür aufkriege, werde ich bedient." Einmal hatte eine Kollegin vergessen, den unteren, zweiten Riegel unserer Doppeltür wieder zu schließen, und ein älteres Ehepaar schaffte es, mit schier übermenschlicher Gewalt die noch durch den mittleren Riegel versperrte Tür aufzudrücken. Sie waren äußerst enttäuscht, als die Putzfrau sie bat, noch zehn Minuten draußen zu warten.
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